Forschungsprojekte an der Uni Augsburg
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- Created on Sunday, 06 November 2011 11:01
- Last Updated on Thursday, 26 January 2012 23:40
- Written by Stefan Lindl
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Forschungsprojekte an der Universität Augsburg
am Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte
Projekte in Forschung und Lehre von Stefan Lindl
1. Habilitationsprojekt: Authentizitäten
"Authentizitäten. Herkunft, Wandel, Gegenwart von Echtheitskonzepten der Epoche des Historismus und des „Zeitalters technischer Reproduzierbarkeit“.
Authentizität wird meist mit einem Verweis auf Walter Benjamins Essay über das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" behandelt. Ein Objekt oder ein Mensch sind authentisch, wenn sich von Einzigartigkeit durch eine historische Dimension sprechen lässt. Jenes Element eines Objekts, eines Menschen, eines Wesens wird authentisch und echt genannt, das einen Traditionszusammenhang besitzt - oder besser: dem ein Traditionszusammenhang zugesprochen werden kann. Das bedeutet auch, dass die Eigenschaft der „Geschichtlichkeit“ dieser Objekte oder Wesen demjenigen bewußt ist, der dessen Echtheit setzt und konstituiert (Referenzauthentizität).
In diesem Verständnis von (Referenz-) Authentizität des 20. und 21. Jahrhunderts wird die Wiederholung notwendigerweise ausgeklammert. Wiederholung, Wiederholbarkeit sind sogar Zeichen für Unechtheit, weil sich die Einzigartigkeit selbstverständlich nicht wiederholen lässt. Es kann aber durchaus Elemente der Wiederholung in einem Objekt, in einem Menschen oder Wesen geben, die trotzdem auf einer anderen Ebene natürlich einen Traditionszusammenhang entwickeln. So kann Schloss Neuschwanstein einerseits als Wiederholung mittelalterlicher Burgenarchitektur gelten. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es "unecht". Andererseits ist auch das Schloß geschichtlich, es ist einzigartig von seiner Lage, seiner Bauzeit, durch seinen Bauherrn, die Besitzverhältnisse etc. etc.. Es hat damit einen Echtheitsanspruch, der fern von der Wiederholung steht. Diese Authentizität besteht aus dem eigenen Traditionszusammenhang. Aber dies ist nur eine Sichtweise der Authentizität, nämlich der auratischen Echtheit, so wie sie Walter Benjamin sie 1935 fasste.
Diese Arbeit deckt ein weiteres Authentizitätsverständnis auf, das im Zeitalter des Historismus offenbar wird, aber auch heute noch in der Rekonstruktionsdebatte (Winfried Nerdinger) wieder zum Vorschein kommt: die repetierende Authentizität, deren Merkmal die Wiederholung ist. Sie drückt sich beispielsweise in dem Begriff der Mimesis aus und läßt sich im Gegensatz zur auratischen Authentizität, die als Zeit-LINIE illustriert werde kann, durch eine KREISbewegung darstellen. Sie beruht auf ästhetischer Ähnlichkeit, während die auratische Authentizität auf Geschichtlichkeit beruht.
Diese repetierende Authentizität läßt sich aus dem Wertesystem des 19. Jahrhunderts aus bestimmten Bauvorhaben ableiten:
In diesem Forschungsprojekt werden regionale, ost-schwäbische Quellen des 19. Jahrhunderts analysiert (Akten über Bauvorhaben von Repräsentationsarchitekturen). Sie lassen einen Blick auf die für uns ungewohnte Authentizität zu. In der Dekonstruktion dieser Quellen wird hervorgearbeitet, wie im 19. Jahrhundert (Historismus) ein durchaus anderes Verständnis von Authentizität verbreitet war und wie es sich ab den 1880er Jahren zu dem Verständnis des 20. und 21. Jahrhundert in verschiedensten Diskursen wandelte. Die Authentizität der Wiederholung oder die „repetierende Authentizität“ steht gegen die auratische Referenzauthentizität Walter Benjamins.
Die Quellenanalyse in diesem Projekt ist von einer dekonstruktivistischen Methode gekennzeichnet, die es erlaubt, Dispositionen in den manifesten Quellen herauszuarbeiten, deren Bedeutung bislang wenig oder nicht beachtet wurden. (Dispositionengeschichte, s.u. 2. Projekt) Quellen werden damit nicht nach ihrem vordergründigen Gehalt untersucht, sondern nach ihren Spielregeln, nach ihrer gesellschaftlich-politisch-ästhetischen Vernetztheit in einem einzigartigen Wertesystem analysiert. Es geht also um das Sublime der Quellen, über das unsichtbare, das Entscheidungen, Handlungen, Konzeptionen etc. trotz ihrer Emergenzen strukturiert, ihnen einen Rahmen gibt, innerhalb dessen sie ihre jeweilige emergente Form entwickeln können.
Ein großer, diskursiver Vergleich sucht diese Disposition der Authentizität des 19. Jahrhunderts auch in den Diskursen der Medizin, der Philosophie (Hermeneutik), der Kunst und der Literatur. Ein weiteres Teilprojekt widmet sich der Frage, ob und wie diese Dispositionen in kulturellen Manifestationen von Antike bis zur Gegenwart zu finden sind, um einen ideengeschichtlichen Aspekt hinzuzufügen, der nicht nur die Vorvergangenheit des 19. Jahrhunderts einschließt, sondern auch unsere Gegenwart, in der die Diskussion immer wieder um das Problem kreist: Wie sollen wir mit dem Gewordenen umgehen? - Wiederholung gegen Geschichtlichkeit.
2. Dispositionengeschichte: Ein dekonstruktivistischer Beitrag zu Landes- und Regionalgeschichtlichen Untersuchungen
Manifest sind die überlieferten Quellen in Form von Akten, anderen Archivalien, aber auch alle Objekte sowie Menschen. Sie sind "greifbar" sichtbar, sinnlich wahrnehmbar. Das Manifeste ist die Oberfläche, das Superfizielle. Die Dispositionen von Objekten oder Menschen dagegen sind sublim, also nicht einfach sinnlich wahrnehmbar, obwohl sie das Manifeste in seiner Ausformung bestimmen. - Natürlich in der Unberechenbarkeit seiner Emergenz. - Diese Dispositionen in Metaphern gewandelt heißen beispielsweise "Spielregeln" oder "Grammatiken", die das Manifeste präkonfigurieren. Nach diesen Spielregeln und Grammatiken sucht die "Dispositionengeschichte", um scheinbar festes Wissen zu hinterfragen und neue ungeahnte Zusammenhänge zu entdecken.
Die Dispositionengeschichte steht durchaus in der Tradition des großen "Projekts der Dekonstruktion". Ihre Herkunft weist in gewissen Teilen auf Michel Foucault in anderen deutlich auf Jacques Derrida. In der Trilogie "Gestalten des Gestaltens" versucht Stefan Lindl eine weitere Methode dem Projekt der Dekonstruktion hinzuzufügen, die der Derridaschen Dekonstruktion eine bestimmte Ordnung hinzufügt, die sich im "Umgang mit dem Gewordenen" ausdrückt.
In ihrer regionalgeschichtlichen Ausprägung richtet die Dispositionengeschichte ihren erkenntnisleitenden Blick nicht auf elitäre Denkkonstrukte, das heißt, Produkte der internationalen Leiteliten Europas, sondern auf die scheinbar unbedeutenden Erscheinungen in den Nicht-Zentren, also den epochenbezogenen Peripherien Europas, die aber trotzdem nur im europäischen Kontext erfaßt werden können. Dieser Blick auf das Regionale erleichtert die Dekonstruktion durch die "Fremdheit", die sich im Regionalen manifestiert. Durch den Blick auf das "Globale" in seiner Ausprägung des Regionalen, gemeint ist die Differenz beispielsweise der Metropole des 19. Jahrhunderts", Paris, zu den ehemaligen schwäbischen Reichsstädten, vollzieht sich eine natürliche Epoché, die der Dekonstruktion förderlich ist.
3. „Der Vergleich des Unvergleichlichen“. Studien zu interdisziplinärem Arbeiten, interdizisplinären Wissensaneignung/-vermittlung
Nachdem die Bologna-Reform weitgehend umgesetzt wurde und sich gegenwärtig in einer Optimierungsphase befindet, werden nicht nur die neue Hochschullandschaft und der neue Stil der Hochschulen sichtbar, sondern auch mehr und mehr die neue Anforderungen an die Lehre.
Lernen in den Geisteswissenschaften bedeutete früher, vor der Reform, "sich bilden". Das heißt, das so wichtige Prinzip "sich mit etwas beschäftigen, sich mit einem komplexen Inhalt in Ruhe auseinandersetzen" wurde dem Leistungsprinzip geopfert. Wer sich in den Magisterstudiengängen Fehler leisten konnte, weil schlechtere Noten in den Veranstaltungen nicht für die Endnote zählten, der muß heute immer mit Blick auf die Endnote das "Versagen" fürchten. Die Reformer, effizient wie sie dachten, übergingen eines: Das Scheitern gehört zum Lernprozeß. Das neue System verpflichtet zum Erfolg von Anfang an, damit wird das Scheitern der Effizienz geopfert. Das ist bedauerlich, aber ein Fakt der Gegenwart. Zudem ist ein weiteres Prinzip der Bolognareform die Verknappung der Zeit. Aber nur in Ruhe lassen sich in den Geisteswissenschaften wenige Aufgaben kompelx und multidimensional erledigen. Die Geisteswissenschaften legen keinen Wert auf das Auswendiglernen. Nein, es geht um das Verstehen, um einen intellektuellen Prozess. Ihm ist nicht mit Effizienz beizukommen. Er ist ein ein Schatz der Langsamkeit, der droht, verloren zu gehen.
Es gäbe natürlich die Möglichkeit, nostalgisch der vergangenen Zeit zu gedenken und ihre Wiederholung sehnlichst zu wünschen. Aber alles ist historisch - auch die Geisteswissenschaften, auch die Universität. Alles unterliegt dem Wandel, dem sich selbstverständlich auch die Hochschule stellen muß.
Da die geisteswissenschaftliche, gediegene Ruhe, also die alte geisteswissenschaftliche Arbeitsweise, so wie sie in der ehemaligen Universität möglich war, keinen Platz mehr hat, brauchen wir neue Lehrkonzepte, die den neuen Anforderungen der Wissensverarbeitung und -erarbeitung gerecht werden. Es bedarf Methoden, mit denen sich auch neue Wissensbereiche schnell erfassen und schnell ordnen lassen. Es bedarf in einer Zeit, in der Vernetzung und Interdisziplinarität des Wissens nicht wie in der alten Universität abeglehnt, sondern als Notwendigkeit gefordert und gefördert wird, der Methoden, die in verschiedensten Wissnesbereichen einsetzbar sind.
Diese Gedanken bilden die präfigurierenden Grundlage dessen, was Stefan Lindl in den Jahren 2005-2008 in seiner Trilogie "Gestalten des Gestaltens" im Wiener Passagen Verlag zu ergründen versuchte. Darin unternahm er den Versuch, eine Methode zu entwickeln, die den folgenden Anforderungen entspricht.
- Einsetzbar in (möglichst) allen Wissensbereichen
- Vergleichbarkeit des scheinbar Unvergleichlichen
- Einfache und einfach evidente Handhabung, um einen schnellen Zugriff auf neue Wissensbereiche zu erlauben
- Zeitlich und kulturell universal einsetzbar
- Die Oberflächen durchdringend, nach Dispositionen der Objekte suchend
Dazu bedurfte es einer Vergleichsgrundlage (tertium comparationis), die diesen Anforderungen entspricht. Stefan Lindl fand sie im Gestalten. Alles Gestalten ist Kultur, alles Gestalten bedeutet letztendlich eine Entscheidung über den Umgang mit dem Gewordenen zu treffen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, mit dem Gewordenen umzugehen:
- belassen
- überformen
- überformend belassen
Diese einfache Einteilung bildet ein dynamisches Raster, mit dem sich Wissensformationen dekonstruieren lassen, um Wertigkeiten, Normen und "Spielregeln" bestimmter Elemente innerhalb des Wissens zu entdecken.
